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Marcus Scholz: Auf ein Wort…

HSV-Fan, Reporter, Blogger mit viel Herzblut: Marcus Scholz, hier im heimischen Volksparkstadion. Foto: Facebookseite Marcus Scholz.

Ein Leben ohne den Hamburger SV ist für Marcus Scholz kaum denkbar. Seit 17 Jahren begleitet er den HSV als Reporter für das Hamburger Abendblatt und ist national ein anerkannter Fußball-Fachmann. Er schreibt unter anderem den HSV-Blog Matz ab! beim Hamburger Abendblatt und ist an den Spieltagen in und um Hamburg im Netz unter dem Motto ,,Matz ab!“ mit Gästen aus der Fußballszene auf Sendung.

In seinem Gastbeitrag für Der Bullenblog wendet sich Marcus Scholz direkt an alle Leipziger.

 Liebe Leipziger, liebe RB-Fans,

Als HSVer muss und möchte ich mich nicht für BVB-Fans rechtfertigen. Gleichwohl kann ich aber sagen, dass mich die Bilder, die ich von den Übergriffen auf harm- und teilweise auch wehrlose RBL-Fans gesehen habe, mächtig ankotzen. So etwas darf es in aufgeklärten Zeiten wie unseren nicht geben. Weder im Fußball noch irgendwo sonst. Und die Aussage, dass es immer nur eine kleine Minorität von Fußball-Anhängern ist, ist sicher wahr. Aber sie nützt mir auch nichts, wenn ich eine volle Bierflasche abbekomme oder mein Kind von derartigen Vorfällen betroffen ist. Wie erkläre ich denn meinem Jungen, was für ein toller Sport der Fußball doch ist, wenn er ihn so kennenlernt?

Nein, DAS ist zu verurteilen. Im wahrsten Sinne und mit aller rechtlich gebührenden Härte. Ich hoffe, dass die schlimmen Vorkommnisse wenigstens in ihrer Konsequenz etwas Gutes haben und abschreckend auf den Rest der Liga wirken.

,,Leipzig lebt seine Philosophie konsequent“

Es tut mir wirklich leid, dass Ihr von der tollsten Liga der Welt teilweise unwürdig empfangen werdet. Und ich mache da nicht mit. Ihr macht anderen Vereinen vor, wie man mit einer konsequent gelebten Philosophie Erfolg hat, denn RB Leipzig spielt einen erfrischenden und vor allem erfolgreichen Offensivfußball. Dass da sehr viel Geld dahintersteckt – okay. Ich als HSVer kann und darf da auch gar nichts sagen. Wir hier in Hamburg sind leider das Beispiel dafür, wie man mit sehr viel Geld und wenig Philosophie einen großen Klub mit einer jahrhundertealten an den Rand des Abstiegs führt.

Wir haben vor zweieinhalb Jahren den Klub ausgegliedert, um uns für Strategische Partner zu öffnen – also ist uns der Kommerzgedanke sehr wohl bekannt und an sich auch willkommen. Klaus Michael Kühne muss ich an dieser Stelle wahrscheinlich gar nicht erst anführen, die Geschichte kennen inzwischen alle.

,,Wir kaschieren Fehler, an denen andere scheitern“

Kühnes Engagement als Reaktion auf das Missmanagement der letzten Jahre hat uns viele Sympathien gekostet. Weil wir Fehler kaschieren, an denen andere scheitern. Trotzdem freuen wir uns mehrheitlich darüber, dass Herr Kühne diesen HSV mit seinem Geld gerettet hat. 100 Millionen Euro in dreieinhalb Jahren und trotzdem noch eine Menge Schulden – das ist schon der Hammer. Dass wir noch tief in den Roten Zahlen stecken beunruhigt hier nur die wenigsten. Kühne ist ja da. So, wie bei Euch Herr Mateschitz. Und ich hoffe für Euch, dass RB Leipzig mehr ist, als nur der Spielball eines mächtig reichen Mannes. Wobei – das hoffe ich in Hamburg nicht minder…

,,Tradition ist heute nur noch Beiwerk“

Fürwahr, Herr Mateschitz hat sich ganz bewusst einen Standort in Deutschland ausgesucht, der riesiges Zuschauerpotenzial hat. Sein Konstrukt des Profifußballs basiert auf gekaufte Entwicklung in einer Stadt, dessen traditionsreiche Fußballgeschichte mit der Wende der freien Marktwirtschaft zum Opfer fiel. Leipzig ist am Geld gescheitert – und in Fußball-Deutschland blieben die Proteste aus. „Ist halt so“, hieß es. Und es stimmt vielleicht auch. Aber genauso konsequent ist es, dann auch heute nicht zu jammern, wenn ein großer Konzern mit seinem Geld jahrzehntelange Entwicklungsstufen überspringt, um zurückzuholen, was einst da war. Denn seien wir doch mal ehrlich, der Profifußball ist, egal ob in einem so genannten Traditionsverein oder einem  „Plastikklub “ vom Geld bestimmt. Jeder auf seine Art eben. Und das kann man natürlich kritisieren und sich darüber ärgern – aber wir können es leider nicht mehr ändern. Tradition ist heutzutage nur noch schönes Beiwerk. Egal wie stolz wir als Dino der Liga darauf auch sind.

Das Beste daran ist, dass wir Euch wenigstens in dem Punkt noch etwas voraus haben. Beim Rest seid Ihr im Eiltempo an uns und vielen anderen Bundesligisten vorbeigezogen. Ihr werdet in der kommenden Saison wahrscheinlich sogar in der Champions League spielen. Dort, wo wir auch so gern mal wieder hinwollen. Sportlich habt Ihr Euch das bislang auch ehrlich verdient. Übrigens genauso wie der BVB – also rein sportlich betrachtet und meiner Meinung nach. Womit wir wieder beim Thema der Woche sind…

Als ich als Jugendlicher einst in einem Spiel mal wieder von meinen Gegenspielern übermäßig unfair attackiert wurde und alles Recht der Welt hatte, mich darüber zu beschweren, sagte mir mein damaliger Trainer etwas, was ich nie vergessen werde: „Scholle, rege Dich darüber nicht auf, sondern nimm es als das, was es ist: ein Kompliment. Denn gefoult werden eigentlich immer nur die, die man anders nicht aufhalten kann.“

Und ich bin mir sicher: Ihr werdet vor allem auch angefeindet, weil Ihr – und da spreche ich vom Verein, seinen Fans und seiner Perspektive – einfach gut seid. Okay, wie der Klub dahingekommen ist, das kann man kontrovers diskutieren. Wird ja auch zur Genüge getan. Allerdings muss das auch funktionieren, ohne dabei Flaschen zu werfen. Ich für meinen Teil werde die Bierflasche nach dem Spiel bei Euch nur heben, um mit Euch friedlich auf einen verdienten Sieger anzustoßen. Also auf uns natürlich. Ist doch klar 😉

In diesem Sinne, ich würde Euch im Stadion wahrscheinlich auch auspfeifen, wenn ich es könnte. So, wie wir es gegen jeden Gegner machen, der dem HSV die Punkte wegnehmen will.  Aber genau wie gegen den FC Bayern, den SC Freiburg, Bayer Leverkusen, Hertha, Darmstadt und allen anderen Gegnern geht es heute wie auch sonst seit der Gründung der Bundesliga für unseren HSV nur um eines: um ein friedliches Fußballspiel.

Möge der Bessere gewinnen!

Scholle




Über den Redakteur

Carsten Germann

Carsten Germann ist studierter Medienwissenschaftler und Germanist. Seit 1. Januar 2017 betreut er den Bullenblog als leitender Redakteur. Zudem schreibt der Wahl-Hamburger als freiberuflicher Sportjournalist für BWIN Fußball, SPORT BILD und WahreTabelle, ist zudem Autor mehrerer Bücher über die Fußball-Bundesliga und die englische Premier League.

4 Kommentare

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  • Scholle, ich bin jetzt echt enttäuscht von dir!
    Wenn ich immer lese, alle seien nur auf RB´s Erfolg neidisch, könnte ich kotzen! Dieses Konstrukt hat schon jeder gehasst, als sie noch Viertligist waren und keinen Erfolg hatten. Alle (auch Herr Scholz oben) tun jetzt gerade so, als gäbe es die Debatte nur, weil die grad Zweiter sind. Die Diskussion und den Hass gäbe es aber auch, wenn sie Letzter wären. Weil man das Gebilde einfach verurteilen MUSS!

    Und der Vergleich mit Kühne immer. Ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen.
    ICH wollte von Kühne nie einen Cent und weine immer noch, dass wir ausgegliedert und uns dem so unterworfen haben. Gerade Kühne – wenn man dem Buch des Manfred Ertel nur ein ganz klein wenig Glauben schenkt, hat Herr Kühne ja wohl entscheidenden Anteil am Misserfolg und all den Unruhen des HSV.

    Den HSV gab es zudem ja wohl deutlich VOR Kühne. Erst gab es den HSV, dann ist Kühne Fan dieses Vereins geworden und gibt deswegen Geld. Der HSV hat sich den Fan Kühne quasi „erarbeitet/verdient“ und nun „Glück“ (in meinen Augen Unglück), dass dieser sich einmischen und investieren möchte.
    Bei RB? Da gab es erst Red Bull und dann den „Verein“. Und zwar nur zum Zwecke der Vermarktung von Red Bull. Wie kann man so etwas miteinander vergleichen?
    Und überhaupt? Wurden mit Kühnes Gelder nicht vielmehr hauptsächlich Löcher gestopft, anstatt zu investieren? In Leipzig musste man keine Löcher stopfen. Da konnte investiert und investiert werden. Das war beim HSV ja gerade eben nicht möglich.

    Was bewegt Herrn Scholz überhaupt dazu, sich so bei den Dosen anzubiedern? Was soll das? Das tat ja nun überhaupt nicht Not!

  • Hallo RB Leipzig,
    Ich ein HSV Fan aus der nähe von Jena werde morgen auch bei euch im Stadion sein und ich hoffe das es ein Spiel ohne Ausschreitungen und Randale gibt möge der bessere gewinnen.
    Ich teile voll und ganz die Meinung von Scholle.
    Liebe Grüße aus Thüringen

  • Vom gleichen Autor stammen folgende Zeilen aus dieser Woche: „Ich will und werde hier keine Lobeshymnen auf RB Leipzig schreiben. […] Dennoch sehe auch ich diese schnell und mit viel Geld hochgezüchteten neuen Topklubs kritisch. Vielleicht können die HSV-Anhänger ja am Sonnabend ein erstes, gutes Beispiel dafür sein, dass man den Klub um Brausemilliardär Dietrich Mateschitz zwar ablehnen kann, dafür und vor allem dabei aber sachlich und fair bleibt. […] “ – Möge der Überheblichere verlieren.